Die Kondomisierung der Welt

Oder: Danke Apple, Teil II

Toll, Steve Jobs‘ Firma hat es jetzt tatsächlich geschafft und wurde – zumindest zwischenzeitlich – wertvollstes Unternehmen der Welt. Doch wie konnte es dazu eigentlich kommen? Apple verbaute Computer mit eigenem Betriebssystem und darauf abgestimmter Hardware. Alles aus einer Hand. Das war und ist praktisch und irgendwie der Grundstein für den Erfolg gewesen. Aber der Rechnerverkauf ist längst nicht mehr die tragende Säule im Unternehmen. Plötzlich kam der iPod, dann das iPhone und auch das iPad kaufen die Fan-Boys brav ein. Zu nicht ganz günstigen Preisen, versteht sich. Es soll sich schließlich für beide Seite rentieren. Das Unternehmen steigert brav und stetig den Gewinn und der potente Käufer erlangt ein hübsch designtes Technik-Gadget, das er, so er es nicht weiter benutzen möchte, sogar in die Vitrine legen könnte.

iPhone-Kondom | ©Flickr / Micky.!

Und das ist genau der Knackpunkt: Weil Apple seine Produkte so hochpreisig vertreibt, verkommt der Gebrauchsgegenstand – und nichts anderes sind Computer, mobile Festplatten, Telefone & Co. – längst zum hippen Accessoire, das es zu schützen gilt. Schließlich hat man eine nicht unerhebliche Summe dafür auf den Tisch gelegt, um sich nicht schon am ersten Tag um Kratzer oder Fettflecken Gedanken machen zu müssen. Also hing sich flugs ein ganzer Industriezweig hinter das Heck des mächtigen Schiffes mit der angebissenen Apfelfahne.

In allen Farben und Formen schmeißen die für alle nur verfügbaren Apple-Produkte Schutzpanzer auf den Markt – mal schön, aber häufig überdreht, hässlich und unpraktisch. Doch wie das in einer Marktwirtschaft so funktioniert: Der Markt regelt Angebot und Nachfrage. Und die Nachfrage nach Schutzhüllen und -Folien scheint enorm zu sein, was einen wiederum auch nicht weiter verwundern mag, schließlich leben wir in einem Land, in dem sich fast alles Versichern lässt und wir davon ausgiebigen Gebrauch machen. Sicher ist nunmal sicher und da nehmen wir ein paar Einschränkungen gerne in Kauf. Mit dem iPhone-Edel-Lederetui passt das Telefon nicht mehr in die Hosentasche? Geschenkt. Dann schleppt man ab sofort eben eine Umhängetasche mit, zumal dort ja ein eigens dafür konzipiertes Telefontäschelchen vernäht wurde. Wenn jetzt aber jemand anruft, dann muss die Tasche erst mal runter von der Schulter und hastig nach dem iPhone gekramt werden, ehe man das Gespräch auch führen kann. Zusätzlich gibt’s noch eine Folie auf das ach so sensible Display, schließlich wollen wir dort keinen auch noch so kleinen Kratzer finden. Vielleicht zusätzlich noch ein Gummikleid, falls das gute Stück doch einmal aus der Hand gleitet? Und diese Liste kann beliebig fortgeführt werden.

Schon jetzt ist es eine grausame Vorstellung, wie die schutzfanatischen Fan-Boys ihr künftiges Apfel-TV-Gerät verhunzen werden, nur damit sie ja keine Gebrauchsspuren hinterlassen. Leben die dann auch in vollkommener Sterilität? Bleibt nur zur hoffen, dass Apple künftig nur in seinem Kerngeschäft bleibt. Autos samt Sitze in Folie? Kameras, denen wir eine Gummihaut spendieren? So wird lediglich die Kondomisierung der Welt vollkommen unnötig vorangetrieben. Die mag in manchen Lebensbereichen wirklich sehr gesund sein, keine Frage. Bei technischem Gerät ist das nicht nur übertrieben und manchmal sogar kontraproduktiv, sondern es sieht auch noch ziemlich albern aus. Und das war es doch gerade, warum man sich ein Apple-Produkt eben nicht gekauft hatte, oder?

Gib Gummi, Alter! | ©Flickr / Beau Giles

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