Joga bonito, wo bist Du?!

Der FC Barcelona ist das Maß aller Dinge. Wieder einmal. Zuletzt bewiesen im gestrigen Champions League-Finale gegen Manchester United im ehrwürdigen, aber neuen, Wembley-Stadion, als die Mannen von Pep Guardiola nach zehn Minuten Anfangspassivität wieder ihr berühmtes Tiki-Taka aufzogen. Das Ende vom Lied: Durch ein glückliches Tor von Wayne Rooney konnten die Engländer die erste Hälfte zwar noch vom Ergebnis her ausgeglichen gestalten, im zweiten Abschnitt jedoch gelang ihnen so gut wie nichts mehr. Zu drückend war die Überlegenheit durch das starke katalanische Mittelfeld um Xavi und Andrés Iniesta, garniert mit der hängenden Spitze Lionel Messi. Dass die Abwehr um Gerard Piqué und Javier Masquerano auch noch bombensicher stand, verkommt dabei nur noch zur Randnotiz. Somit krönte Barça sich selbst zum vierten Male mit dem Champions League Titel.

Barcelona triumphiert erneut in der Königsklasse | ©Flickr/Shht!

Verdienter Sieg, genialer Fußball, Messi als bester Spieler in den eigenen Reihen, so schön kann Fußball sein, werden viele sagen und schreiben. Aber ist der Fußball Barcelonas wirklich so herausragend schön? So wie der Fußball Spaniens bei der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010? Ein Blick auf die Statistik verheißt da nicht nur gutes:

Drei Tore hat Barcelona gegen ManU erzielt, dabei gleich 12 Mal auf den Kasten von Edwin van der Saar geschossen, wohingegen die Engländer nur ein einziges Mal so gezielt haben, dass Victor Valdés überhaupt hätte abwehren müssen. Dieser Versuch war dann gleich erfolgreich. Eckenverhältnis 6:0 ebenfalls für Barça, die obendrein deutlich weniger Foul spielten, nämlich nur fünf Mal statt deren 16 auf Seiten ManUs. Die wichtigste Erkenntnis aber ist, ganz barçatypisch, der Ballbesitz: 63 % Ballbesitz für den FC Barcelona. Wenn die Engländer den Ball hatten, war er auch schon wieder weg. Auf 90 Minuten gerechnet spielte sich die Azulgrana also 56,7 Minuten den Ball zu ohne dass ein englisches Bein sie daran hindern konnte.

Die Frage, die sich aufdrängt: Ist das schön? Wenn eine Mannschaft den Ball einfach nicht hergibt und den Gegner damit derart mürbe spielt, dass dieser nur noch mit frustriertem Foulspiel dagegenhalten kann? Die Antwort: Nein, das ist nicht schön. Es ist nicht schön, weil die andere Mannschaft nicht die Hauch einer Chance hat das Spiel auch nur ansatzweise ausgeglichen zu gestalten. Nein, es ist nicht schön, weil es kaum Torraumszenen gibt. Der Ball wird allzu oft in den 16-Meter-Raum getragen, Distanzschüsse kommen so gut wie nicht vor, während die gegnerische Mannschaft mit Mann und Maus verteidigt (nimmt man die ersten zehn Minuten von ManU aus, in denen sie mit furiosem Pressing den Spaniern den Schneid abkaufen wollten). Es ist nicht schön, weil der Überraschungsmoment fehlt. Es wirkt beinahe so, als wäre Barcelona die Würgeschlange, die ihr Opfer zappeln lässt bis es müde wird, um ihm dann doch die Luft abzudrücken. Eigentlich ist das Spiel schon vor dem Anpfiff entschieden.

Es gab auch früher dominante Mannschaften. Man denke nur an ManU mit dem jungen David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs und Peter Schmeichel im Tor. Oder das wunderbare Juventus Turin mit Gianluca Vialli und Fabrizio Ravanelli oder auch Ajax Amsterdam Mitte der 90er. Die haben toll gespielt, Angriffe gesetzt, solide verteidigt, sehenswerte Spielzüge gezeigt. Aber mit dem Unterschied, dass man als Zuschauer das Gefühl hatte, auch diese Mannschaft könne verlieren. Ganz so, wie Brasilien lange Zeit bei der Weltmeisterschaft gespielt hat. Immer Turnierfavorit, sie spielen guten Fußball, lassen aber auch Chancen zu. Sie narren ihre Gegenspieler mit ihrer außerordentlichen Technik, lassen den Gegner aber dennoch zu Tormöglichkeiten kommen, mitunter sogar gewinnen. Aus Leichtsinn, vielleicht aber auch aus Liebe zum Spiel. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass bald ein Trainerfuchs kommt, der imstande ist, dem FC Barcelona taktisch ein Beinchen zu stellen. Vielleicht nicht mit einer Mauertaktik wie José Mourinho, sondern auf eine etwas ästhetischere, schönere Art und Weise. Sehe ich den Fußball durch die katalanische Brille, dann schnalze ich mit der Zunge. Sehe ich ihn aber als Fußballfan, dann hoffe ich inständig, dass die Brasilianer ein Stückchen ihres leichtsinnigen „Joga Bonito“ künftig ins Camp Nou schicken. Natürlich nur zum Wohle des Fußballs.

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