Wann ist ein Fan ein Fan?

Auf St. Pauli fliegt ein Bierbecher an den Kopf des Schiedsrichterassistenten, in München wird die Gewaltbereitschaft eines kleinen Teils der roten Anhänger mit Dutzenden Logos des blauen Stadtrivalen im Fadenkreuz dokumentiert. Die sonst so beschauliche Bundesliga wird extremer.

Aber was ist denn wirklich passiert? Der FC St. Pauli hat ein Heimspiel verloren – und dabei leider ein Zuschauer sich überhaupt nicht im Griff. Das ist insofern tragisch, da die Fans von St. Pauli zu den friedfertigen gehören, die sich mit maximaler Vehemenz gegen eine zunehmende Kommerzialisierung ihres Vereins stemmen, sich aber sonst positiv durch Stimmung, ausgefallene Aktionen und Choreographien im Stadion auszeichnen. Gemotzt und geschrien wird zwar auch, dass Becher fliegen ist neu, aber inakzeptabel.

Keine Fans, kein Ärger?

Beim FC Bayern hingen gehen sie aus anderen Gründen auf die Barrikaden. Weil ihr Ex-Manager und jetziger Präsident Uli Hoeneß den Stadtrivalen 1860 München angeblich über Gebühr unterstützt. Dabei stürzen sich die Fangruppen vor allem auf eine Aussage von Karl-Heinz Rummenigge auf der Jahreshauptversammlung, wo der Vorstandsvorsitzende weitere finanzielle Hilfen beim angeschlagenen Zweitligisten und Stadionmieter ausgeschlossen hatte.Weil 1860 kurz vor der Insolvenz steht, hat der rote Nachbar jedoch beschlossen, dem Verein zumindest bei den Kosten für das Stadion-Catering entgegenzukommen. Geld ist freilich keines geflossen, aber das interessiert diese Ultra-Szene nicht, für die der Stadtrivale seit jeher ein Dorn im Auge ist. Munter wird Hoeneß mit einer von langer Hand geplanten Aktion als Lügner beschimpft. Ausgerechnet er, dessen Herz nur den FC Bayern kennt und maßgeblich daran beteiligt ist, dass der Verein so gut dasteht, wie fast kein anderer.

Es mutet schon ein wenig seltsam an, dass im offenen Brief von den Ultra-Fans der „Münchner Schickeria“ von fehlendem „Anstand und Respekt“ und „moralischem Veto“ die Rede ist. Wenn also jemand am Boden liegt, dann soll man ihn doch bitte liegen lassen. Schließlich wurde man zuvor getäuscht und um viel Geld betrogen. Dass die Insolvenz auch einen Stadionmieter kosten könnte und man somit noch mehr Geld bis 2015 auftreiben müsste (die Rede ist von immerhin drei bis vier Millionen pro Jahr), wird erst einmal vergessen. Würden dann die Ticketpreis angehoben, kann man sich das Geschrei jetzt schon vorstellen.

Abstrus hingegen ist das „moralische Veto“, wenn es um Torhüter Manuel Neuer geht. Den will der Bayern Anhang so gar nicht in den eigenen Reihen sehen. Das ist durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass man mit Thomas Kraft einen talentierten Torwart aus der eigenen Jugend im Kasten stehen hat. Dem wird dann natürlich wieder keine Zeit gegeben, um zu internationaler Klasse zu reifen. Das ist schade, keine Frage, aber ein Grund, um Neuer schon vor Antritt zu verteufeln? Ich meine nicht. Schließlich gehört auch das zur bayrischen Einkaufspolitik, dass man die guten Spieler von anderen Vereinen regelmäßig wegkauft, um sich selbst zu verstärken. Das mag nicht besonders clever erscheinen, verwerflich ist es nicht. Und eigentlich müssten sie Manuel Neuer immerhin zu Gute halten, dass er früher selbst in königsblauen Unterhosen bei den Ultras im Stadion stand. Ein echter Fan also, nur von der falschen Mannschaft. Aber königs- und nicht in einfachem blau. Also alles halb so wild.

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