Leidige Straßenansichten…

… und die Welt verliert ihr Geheimnis.

Google. Immer wieder die Datenkrake Google, ätzt es durch die deutsche Medienlandschaft. Nach ihrer erfolgreichen Kartographie der Erde sind jetzt ganze Städte dran. Aber nicht mehr aus der Vogelperspektive, sondern aus der, die wir selbst gewohnt sind. Doch neben den gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten, die in keinem Reiseführer fehlen dürfen, werden auch weniger prominente Straßenzüge aufgenommen. Private Reihenhäuser, spielende Kinder, Passanten – Straßenansichten eben. Doch Datenschützer laufen Sturm gegen das geplante Abfotografieren und die virtuelle Verfügbarkeit für alle Ewigkeiten. Persönlichkeitsrechte werden en passant verletzt, selbst wenn der Dienst die Gesichter verpixeln will. Häuser von Reichen sollen so noch bequemer ausspionierbar werden – potentiellen Einbrechern wird es also noch leichter gemacht: Sie müssen nicht mal mehr mit dem eigenen Auto vorfahren.

Ganz schon grau, dieses Rom | Google Street View

Eigentlich kenne ich niemanden, der, selbst mit verpixeltem Antlitz, in Googles Street View Dienst zu sehen sein will. Allerdings hat mir auch noch niemand wirklich den Nutzen erläutert, den User aus diesem Dienst ziehen sollen. Na klar, Du kannst dann doch bequem schon mal den Straßenzug in L.A. anschauen, in dem Du für zwei Wochen im Hotel XY einquartiert bist. Ah ja. Und dann kann ich die zwei Wochen dann mit dem Smartphone in exakt der Gegend rumlaufen und habe einen eins zu eins Vergleich, ob der Straßenzug von Google tatsächlich mit dem übereinstimmt, den ich unmittelbar vor mir habe? Also gewissermaßen ein Suchbild á la „Finde den Fehler“?!

Oder geht es nur darum, an Orte virtuell fliegen zu können und, wenn das Geld schon nicht reicht, wenigstens den virtuellen Stadtrundgang absolvieren zu können? Da fühlt man sich glatt zurückversetzt in eine Zeit, in der man über den bunten Globus mit dem Finger streichelte und sich ausmalte, wie es wohl in Tuvalu aussehen möge. Okay, der Vergleich hinkt, Tuvalu dürfte wohl nicht umgehend von Googles Dienst abfotografiert werden…

In jedem Falle verliert die Welt an Persönlichkeit, an Mythos, an Geheimnis. Warum muss jeder wissen, wie es am Zoccalo in Mexiko Stadt, am Kolosseum in Rom oder am Brandenburger Tor in Berlin gleichzeitig aussieht? Es ist wirklich kein Wunder, dass den Jugendlichen zunehmend die Phantasie abhanden kommt. Man liest schon lange nur noch online und wenn man wissen will, wo der Held im iPad gerade rumturnt, schaut man schnell im Internet nach (und findet vielleicht auch noch heraus, dass der Autor schlecht recherchiert hat – welche Enttäuschung). Die bunte Gedankenwelt wird zurückgedrängt, das persönliche Frage- und Antwortspiel hat längst das Internet übernommen. Das nächste Hotel? Da traut man lieber den Bewertungen des Handydisplays auf Qype und Konsorten. Oder fragt schnell bei Facebook nach. Auf die Idee, die Einheimischen vor Ort zu fragen, kommt freilich kaum noch einer. Da bin ich fast froh, dass immerhin noch kein Geruch über die Glasfaserkabel übertragen werden. Auch die Geräuschkulisse der Stadt fehlt, so dass einem für den Gesamteindruck doch nichts übrig bleiben wird, als ins Auto, Zug oder Flugzeug zu steigen, um es doch noch am eigenen Leib spüren zu können. Ein ziemlich großer Trost, wie ich finde!

Ein Kommentar

  1. Mike 16. August 2010

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