Briefe aus dem ICE

Ja, die Deutsche Bahn hat es derzeit nicht leicht. Überall wird auf ihr herumgehackt und ich denke, dass der Spruch: lieber schlechte Presse, als gar keine Presse den PR-Mitarbeitern eher Magenkrämpfe bereiten denn Freudensprünge zur Folge haben dürfte. Doch allein ein Wochenende in Hamburg drängt mich zur Frage: Reagiert die Bahn überhaupt in irgendeiner Weise auf die Vorwürfe?

Am Donnerstag, den 15.07. stehe ich frühmorgens auf, um in München den ICE 882 nach Hamburg zu besteigen. Natürlich ist er gut ausgebucht, natürlich habe ich deshalb vorher reserviert. Angekommen am Gleis befindet sich an der Stelle, wo mein Wagen 2 hätte sein sollen, nur der Wagen 34. Es handelt sich um einen Ersatzzug, die Reservierung ist nicht mehr gültig, „suchen Sie sich doch einfach einen freien Platz“. Das erfährt man aber erst ab Nürnberg – dort haben wir schon eine halbe Stunde Verspätung – weil das Bordsprechsystem nicht funktionierte. Immerhin wissen die Passagiere jetzt, dass sie sich obendrein im falschen Zugteil befinden. Nämlich jenem, das in Hannover abgehängt werden wird, um nach Bremen zu fahren.

In diesen Tagen sollte man jede Menge Wasser im Zug dabei haben

Ich schaue unterdessen auf die Uhr, habe ich doch um 15 Uhr einen Termin in der Nähe von Hamburg Altona. Wohnungsbesichtigung. Klar, dass ich ein wenig Pufferzeit mit einplane, schließlich ist die Wohnungssuche in der Hansestadt ähnlich undankbar wie eine in München. Weil wir aber auf dem Weg nach Hamburg noch weitere 60 Minuten verlieren werden, kann ich die Wohnungsbesichtigung knicken. Pech gehabt.

Rückfahrt dann am Sonntag, den 18.07. nach München. Immerhin hat der ICE 883 von Altona bis Dammtor auf zwei Kilometern Fahrtstrecke erst zehn Minuten Verspätung. Die kann er, zumindest so die Theorie, locker bis München wieder rausholen. Noch rufe ich meinen Besuch nicht an, der mich um 22 Uhr vor meiner Haustüre am Ostbahnhof erwartet. Eigentlich sollte das zu schaffen sein. Also setze ich mich gemäß meiner neuerlichen Sitzplatzreservierung (ich kann’s einfach nicht lassen) in den Wagen 4. Der hat jedoch, trotz hanseatisch etwas kühleren Temperaturen, gut 30 Grad. Etwas zu viel für knapp sechs Stunden im Zug. Ich suche mir ein anderes Abteil. Statt Ruhezone, halt in den Handybereich. Pech gehabt.

Ich mag Bahnfahren. Wenn die Abendsonne, so wie am Sonntag, bei Würzburg die Weinberge in ein ganz sanftes Grün taucht, bin ich fast wieder versöhnt. Der kurze Umweg über Ansbach würde mir auch nichts ausmachen, wenn er dadurch nicht erneut ein Mehr an Zeit in Anspruch nähme. Das tut er aber. Mittlerweile sind wir bei 45 Minuten. Auf Nachfragen bei der Bahnbegleitung gibt’s aber nur ein Schulterzucken. Einen Anspruch auf Entschädigung, den gibt’s erst ab einer Stunde Verspätung. Pech gehabt.

Ich kann es sogar verstehen, wenn irgendwo eine Grenze gezogen werden muss, aber nur mit einem Schulterzucken und nicht mal einer Durchsage, dass man sich für die Unannehmlichkeiten entschuldigt, das will ich nicht so richtig akzeptieren. Schließlich bin ich zahlender Kunde. Sogar mit Bahncard. Ein Wochenende in Hamburg geht einher mit insgesamt 135 Minuten Verspätung, einer verpassten Wohnungsbesichtigung und Gästen zu Hause in München, die sich die Beine vor meiner Tür in den Bauch stehen – zumindest im übertragenen Sinne, denn sie haben es dann doch vorgezogen, noch in einen nahe gelegenen Biergarten zu gehen.

Das alles finde ich schade auf der einen, aber auch bedenklich auf der anderen Seite. Was machen denn die Bahnfahrer, die nach Hamburg den vollen Preis von 129,- Euro (einfach wohlgemerkt) zahlen? Und dann noch wichtige Termine verpassen? Für knapp 260 Euro kann man schon mal auf den Flieger umsteigen und ist sogar schneller am Ziel. Leider belastet man damit die Umwelt aber in unerhörtem Maße, so dass es für mich keine wirkliche Option ist. Eine andere Alternative wäre ein Mietauto. Da muss ich aber wiederum selber fahren. Nein, ich möchte auch weiterhin noch gelegentlich Bahnfahren. Aber ich möchte keine Angst mehr davor haben, dass ich Termine selbst mit Pufferzeit nicht erreiche und ich möchte keine Angst mehr haben, dass ich anstelle von knapp 12 Stunden im Zug, derer fast 14 einhalb darin verbringen muss. Sind solche Situationen jetzt lediglich der jüngsten Zwischenfälle geschuldet? Liegt es an mir, weil ich kein Heavy-Bahnfahr-User bin und die vielen guten Langstrecken deshalb zu selten mitgemacht habe? Oder muss ich künftig einfach eine Portion Pech einplanen, damit mich solche Zustände nicht mehr sonderlich verwundern?

Bahngott, hilf mir doch endlich!

Ein Kommentar

  1. ebook leser 20. Juli 2010

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