3 nach 9 und die Wechselbörse

Ach, diese verflixten Freitagabende. Die Woche war hart, man will eigentlich noch ein Bierchen trinken, das zerschlägt sich jedoch aus diversen Gründen, worauf man die GEZ-geförderten Sender einschaltet, um ein wenig Bildungsfernsehen zu gucken. „Unterhaltung zum Mitdenken“ kommt da gerade recht. So lautet zumindest der Untertitel von 3 nach 9, jener Talkshow aus Bremen, die nach dem Weggang von Amelie Fried und dem Kurzintermezzo der deplaziert wirkenden Charlotte Roche, bei der weiblichen Moderatorenrolle ein Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel initiierte, um die adäquate Partnerin für Giovanni di Lorenzo zu finden.

(Un)Lustiger Frauentausch bei 3 nach 9 | ©radiobremen

Irgendwie kristalliert sich jedoch heraus: entweder gibt es keine passende Partnerin oder die bisherige Auswahl wurde einfach nicht mit bedacht getroffen. Annette Dasch moderierte wie ein kleines Kind, Sandra Maischberger war wie immer und jüngst durfte sich die ehemalige „Ehrensenf“-Moderatorin Katrin Bauerfeind an der di Lorenzos Seite versuchen. Irgendwie lahmt dieses Vorhaben aber schon bei der gegenseitigen Vorstellungsrunde. Warum di Lorenzo unbedingt eine Hunziger-Parodie von Bauerfeind haben wollte, weiß niemand so genau. Jedoch auch nicht, warum Bauerfeind sich derart zierte. Wahrscheinlich war sie einfach nur aufgeregt.

Aufregung ist das halbe Leben, bei Moderations-Methusalem di Lorenzo hätte man aber immerhin noch erwartet, dass er Menschen ausreden lässt und sinnvolle Fragen stellt. Bei Schauspieler Heino Ferch hat man weder das Gefühl, dass man viel über seinen neuen Film Hanni und Nanni erfahren hat, geschweige denn über den Menschen selbst. Er kommt aus Bremerhaven, ja die Einladung von Radio Bremen ist wie ein kleiner Heimaturlaub und der Vater fuhr zur See. Ah ja. Gut, nächster Gast.

Bauerfeind fragt Ute Braun, die ein halbes Jahr ihrer schriftstellerischen Tätigkeit nachgeht, und die andere hälfte als Sennerin in den Schweizer Alpen. Was man da denn den ganzen Tag tun müsse, war noch die sinnvollste Frage, die Bauerfeind einfiel. Kein Wunder, dass die gute Braun irgendwann nicht mehr so recht wusste, was sie überhaupt in der Sendung sollte. Natürlich ging’s noch ein wenig um Freiheit, Lebensphilosophie und ob man so alleine auf einer einsamen Hütte nicht nachts auch Angst hat.

Götz Alsmann brillierte immerhin mit geschliffener Sprachgewandtheit (eigentlich war er der einzige, der wirklich geradeaus sprechen konnte), Caroline Peters machte einen aufgeweckten Eindruck, aber da muss ich weggenickt sein, Boxerin Susi Kentikian kickerte vor sich hin, man merkte der armen Dame jedoch an, dass sie noch richtig jung ist, der Schamana Galsan Tschinang hatte immerhin die Lacher auf seiner Seite, weil er Bauerfeind heilen wollte. Wovon und warum, das hat nicht nur Bauerfeind nicht verstanden, sondern auch der Zuschauer. Ruhiger wurde die Moderatorin aber auch nach dem Handauflegen nicht. Immerhin war die Message von Tschinang klar, dass man doch bitte wieder Aufforsten solle in der Welt und nicht ständig abholzen.

Den weitaus interessantesten Gast aber, den Wiener „Businesspunk“ Gerald Hörhan, ließ man an der langen Leine verhungern. Di Lorenzo wollte ihn zwar aus der Reserve locken (titulierte ihn schon bei der Begrüßung als Kotzbrocken), ließ ihn aber nie wirklich aussprechen. Dabei hatte der junge Mann richtig interessante Thesen im Gepäck, warum die Mittelschicht sich dämlich arbeite, aber nur die anderen reich mache. Nebenher erklärte er auch noch, wie die Wirtschaftskrise ausgelöst wurde. Für Dummies wie mich sozusagen, aber di Lorenzo wollte das alles gar nicht wissen. Wohl auch, weil er ebenso wenig Verstand für wirtschaftliche Zusammenhänge hat, wie ich. Das Problem nur: er ist Moderator und sollte vom Interviewpartner wenigstens ein paar schlaue Sachen hervorkramen können. Wenig charmant verabschiedete er sich dann auch vom jungen Investment-Banker mit den Worten: „Ich weiß nicht genau, was Sie jetzt sind. Ob sie ein Banker sind, ein Punk, ein Genie oder einfach ein grandioser Schwätzer, in jedem Falle war es interessant mit Ihnen zu reden“.

Tja, vor allem trifft das letzte auch auf di Lorenzo selber zu. Unterhaltung zum Mitdenken war am jüngsten Freitage in jedem Falle nicht angesagt. Eher zum Mitleiden. Und das beste: dafür konnte die nervöse und Talkshow-unerfahrene Katrin Bauerfeind nicht mal was dafür.

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