Die Luft ist raus und doch wieder drin

Erst neulich beglückwünschte mich mein Nachbar, weil ich selbst bei widrigstem Winter-Schmuddel-Wetter brav in die Pedale trete. Allerdings mache ich das ja nicht aus bloßer Überzeugung und Ertüchtigung meines Körpers, sondern ich bin da ganz pragmatisch: um von A nach B in der Stadt zu kommen, kann man entweder mit dem Taxi fahren (sehr teuer), die Öffentlichen nehmen (teuer) oder, wie in meinem Falle, einfach das Fahrrad nehmen (weniger teuer). Zu Fuß gehen (umsonst) wäre auch eine Möglichkeit, die fällt aber spätestens dann aus, wenn man chronisch zu spät von zu Hause losgeht und nie so wirklich voraussagen kann, wann man denn wo ankommen wird.

Am Morgen hat Fahrradfahren ungeahnte Vorteile. Der kühle Wind pustet die letzten Sandkörner aus den Augenwinkeln – bei kalten Wetter sind es dann die Tränen, vorausgesetzt man fährt nicht mit der Ski-Brille zur Arbeit – und man ist anschließend wirklich aufnahmefähig. Außerdem ist man in etwa so schnell wie der Berufsverkehr, so dass die Alternative eigenes Auto ebenfalls keine wirkliche Option ist. All die guten Vorsätze werden spätestens dann obsolet, wenn man die Felge auf dem Asphalt klackern hört und auch die letzte Luft aus dem Pneu entwichen ist. Wohl dem, der ein Selbstkontrollfreak ist und dem in dieser Situation keine Schimpftiraden über die Lippen kommen. Schöne Sch…

Vulkanisier den Reifen!

Das Loch an sich ist ja erst mal nichts schlimmes, dafür gibt’s ja die wunderbaren Flicksets. Gummiflicken, Vulkanisierungsflüssigkeit, Schleifpapier, Ventilgummi und – ganz wichtig – auch der obligatorischen Anleitung. Doch wer fährt bitteschön in der Stadt immer mit seinem Flickset samt Schraubenschlüssel durch die Gegend?! Weil die Felge geschont werden muss, wird das Rad dann erst mal geschoben. Das kann dauern. Und wenn man es nicht gleich nach Hause schiebt, wird der Weg später noch länger werden. Schöne Sch….

Ich bin inzwischen Flickprofi geworden. Ich fahre mir immer solche Löcher rein, die man nach Aufpumpen des Schlauchs auch sogleich erkennt, weil sie einem die Haare flott nach hinten föhnen. Also nix mit Schlauch unter das Wasser halten. Allerdings hab ich es trotz Vorsichtsmaßnahmen geschafft, eine gemeine Silvesterscherbe im Mantel gleich mehrmals zu übersehen. Bitteres Resultat: vom Schlauch sieht man jetzt nicht mehr viel, dafür hat er Flicken-Pocken bekommen. Da kann ich nur inständig hoffen, dass diese Krankheit nicht ansteckend ist.

Frische Luft, Bewegung und, sieht man von Anschaffungskosten und Arbeitszeit ab, ist das Radfahren durchaus kostengünstig. Auch mit Löchern im Schlauch. Ein Flickset kostete mich jetzt 1,80 Euro mit fünf Flicken. Bei meinem derzeitigen Verbrauch müsste ich mit fünf Flicksets pro Monat auskommen. Für neun Euro kriege ich aber nun noch gar keine Monatskarte. Für richtig Faule sei gesagt: ein neuer Schlauch kostet etwa fünf Euro. Beim Preis einer Monatskarte könnt ihr also immerhin acht Mal euren Schlauch austauschen. Der Australier würde sagen: wenn das mal kein „Bargain“ ist. Der Deutsche Radfahrer lamentiert dafür lieber über unmotivierte Straßenkehrer und über die Ungerechtigkeit, dass es die Abwrackprämie nicht für Fahrräder gegeben hat.

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