Studentenköppe gehen auf die Straße

Endlich gibt’s mal wieder Studentenproteste. Hat ja lange genug gedauert, dass sich die kommende Elite Deutschlands auf die Straße wagt. Sie sind gegen Bachelor, gegen ein verschultes System, das in der Praxis auch noch wenig flexibel ist, gegen Studiengebühren, gegen arme Eltern, gegen Bevormundung und gegen die ständigen Einschränkungen, die das starre Punktesystem mit sich bring. Natürlich dürfen da Berichterstattungen in den Zeitungen nicht fehlen. Klar, dass auch die taz darüber schreibt und eine Studentin zu Wort kommen lässt, die ihr Leid über das Bachelor-System klagt. Einiges sicherlich mit Recht, anderes habe ich jedoch ganz anders in Erinnerung und wundere mich, dass sich die Studis so beschweren.

Die Bibliothek, das fremde Wesen | ©SXC

Ein kleiner erweiterter Erfahrungsbericht, quasi als Gegenentwurf, aus der Elitekaderschmiede Heinrich-Heine-Universität zu Düsseldorf

– Acht Kurse pro Semester, anschließend Prüfungen
Ich weiß nicht, ob man einem Studenten nicht acht verschiedene Fächer zumuten kann – oder gar muss. Die Prüfungen sind ja auch ganz unterschiedlich geartet. Es gibt gewisse Vorgaben, wie oft man eine mündliche, wie oft einen kleinen schriftlichen Beitrag oder eine größere Abschlussarbeit zu machen hat und dann kann man das mit dem Dozenten absprechen bzw. wählen. Im Rahmen können die Kurse auch frei gewählt werden, es kommt darauf an, dass man die einzelnen Module entsprechend abdeckt. Das ist also auch nicht anders, als in einem „normalen Studium“ wo man sich auch die Kurse zusammensuchen muss, die man für das Weiterkommen braucht bzw. die die Prüfungsordnung vorschreibt. Von den acht Prüfungen könnte man also vier mündliche machen, eine größere Hausarbeit schreiben (wobei man hier schon sagen muss, dass diese Hausarbeiten nicht mit einer Hausarbeit eines Diplomstudiengangs zu vergleichen sind. Der Umfang ist so eingedampft, dass man – zumindest laut meiner Erfahrung im Schmalspurstudium – mit maximal 15 Seiten auskommt) und dann noch drei ausgearbeitete Referate als schriftlichen Nachweis abgibt. Das mag in manchen Modulen mal zu Stresssituationen kommen, weil man dann vielleicht zwei oder drei Hausarbeiten schreiben soll, aber: man kann im Vorfeld schon klar taktieren, wann die Intensität größer sein wird und wann man es langsamer angehen lassen kann.

– 24 Stunden Uni + Bibliothek + Hausarbeiten + Referate + …
Einen ganzen Tag lang an der Uni rumhängen, ist für viele Studenten selbstverständlich. Pro Woche wohlgemerkt. Legt man eine 40-Stunden-Woche zu Grunde, dann bleiben ja noch 16 Stunden, die man für Referate, Bibliothek und Hausarbeiten aufwenden kann. Die Frage ist: muss man das auch? Außerhalb der Kurse sind die „Hausaufgaben“ doch eher überschaubar. Ein Referat pro Kurs, evt. eine Verschriftlichung und eine abschließende Prüfung hat noch nicht so viel mit Arbeitsaufwand zu tun. Mag natürlich auch vom Fach abhängen.

– Pflichtkurse und andere (fachfremde) Veranstaltungen
Pflichtkurse muss man bestehen (s.o.), aber das ist in jedem Studium so. Das Besuchen von allen anderen Kursen steht einem immer frei und ist natürlich eine zeitliche Mehrbelastung. Daran krankt das Bachelorsystem in der Tat massiv. Vor allem, weil man, wie das Protokoll auch aufzeigt, die Punkte nicht einfach von Fakultät zu Fakultät vergleichen lassen. Das ist ein Armutszeugnis und schränkt die freie Wissensauswahl sehr stark ein.

– Präsenzpflicht
Die gibt’s in allen Kursen, so dass man eigentlich nicht öfter als drei Mal fehlen darf. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich in den meisten Kursen eine Absenzenliste von jenseits der 10. Entweder haben mich nette Mitstudis eingetragen, es ging keine Liste rum oder der Dozent – und das ist weit öfter der Fall – interessiert sich nicht für diese unsäglichen Listen. Es gibt also zig Mittel und Wege, um diese Hürde zu überspringen und sich anderweitig im studentischen Leben zu vergnügen.

– Professoren haben keine Ahnung
So ganz neu ist das Bachelorsystem auch nicht mehr, so dass es sich auch in der Professorenschaft herumgesprochen haben dürfte, was Module sind und welche Punkte es auf welche Leistungen gibt (Beteiligungsnachweis vs. Leistungsnachweis). Dass ein Großteil auch in zwanzig Jahren mit Unwissenheit über das System glänzen wird, liegt leider in diesem begründet. Die Herren interessieren sich dafür einfach nicht und es liegt in der Selbstverantwortung des Studenten, dass er sich mit seinem System, den Prüfungsordnungen und Regularien auseinandersetzt.

– Nichts von anderen Kommilitonen mitbekommen
Letzten Endes obliegt es jedem selbst, ob er etwas von anderen Menschen mitbekommen will. Oder eben nicht. Wenn ich hier durch die Stadt gehe, sehe ich ständig irgendwelche Plakate von Uni-Partys. Die Socializing-Fraktion scheint also noch sehr intakt im studentischen Milieu und es gibt überdies zig andere Möglichkeiten. Man könnte ja auch mal gemeinsam lernen, oder doch lieber einen Kaffeetrinken und am kulturellen Leben (Theater, Kino, Kunst und derlei Dinge gibts ja immer zu studentischen Konditionen) teilnehmen. Überhaupt wäre das das geeignete Mittel, um auch ein wenig Persönlichkeit aufzubauen und nicht ständig in Modulstrukturen zu denken.

Letzten Endes krankt das System ja von unten. Nur zu gerne wird in den Medien unterschlagen, dass der Bildungsunterbau schon einer dringenden Reform bedarf. Anstelle, dass man die Kinder zusammen reifen und ihre Kindheit leben lässt, werden sie schon nach vier Jahren eingeteilt in gut und schlecht. Die „Schlechten“ haben dann nach zwei oder drei Jahren erneut die Chance, vielleicht noch zu den „Halbguten“ zählen zu können. Die „Guten“ sind dann so gut, dass man nicht länger als 12 Jahre für das Abitur brauchen sollte. Irgendwie geht das schon, zur Not wird Musik und Sport gestrichen – oder irgendwann im Nachmittagsunterricht nachgeholt. Das soll dann der Wettbewerbsfähigkeit dienen, die man im internationalen Vergleich schon längst verloren hat. Die Studenten sollen ihr Turbostudium inklusive Master in maximal zehn Semestern durchgebracht haben und spätestens mit 25 Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Die nächsten zehn Semester reiht sich dann Praktikum an Praktikum, ehe man einen erst mal befristeten Arbeitsvertrag bekommt. In schlechten Zeiten muss das Unternehmen ja schnell teure Mitarbeiter loswerden können. Bei diesen Gepflogenheiten ist es leider kein Wunder, dass die Leute schon unter 30 von Versagensängsten geplagt werden, verbrannt sind und mit knapp über 30 das erste Sabbatical einlegen.

Ein Kommentar

  1. Michael 15. Dezember 2009

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