35 bei 3 nach 9

… oder ist es gar schon fünf vor zwölf?

Ich muss gestehen, es gibt nichts schöneres, als am Freitag die Talkshows zu verfolgen. Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt sowie ihr Pendant Die Tietjen und Dibaba (beide im NDR) oder eben Giovanni di Lorenzo mit Neumoderatorin Charlotte Roche. Letztere durften gestern bei Radio Bremen 35 Jahre 3 nach 9 feiern. Aus diesem Grunde waren neben den „normalen“ auch Gäste aus der aller ersten Sendung mit dabei: Klaus Reiner Röhl (Publizist und Mann von Ulrike Meinhoff), Wolfram Siebeck (Gastrokritiker) und Trixi Schuba (Olympiasiegerin im Eiskunstlauf). Glücklicherweise wurde dem Trio jedoch nicht allzu viel Zeit eingeräumt, zumal di Lorenzo kurzzeitig gar nicht mehr wusste, was er noch weiter fragen solle.

3nach9

Überhaupt, das Motto der Show „Unterhaltung zum Mitdenken“ scheint überhaupt nicht mehr zuzutreffen. Und das lag vor allem an der mauen Darbietung des Moderatorenduos, denn die geladenen Gäste konnten sich sehen lassen. Von Bestsellerautor Frank Schätzing erfuhr man ein bisschen was von seinem neuen Buch Limit und auch, dass er gern in Kölner Cafés schreibt. Alles, was man Schauspieler und Moderator Dieter Moor wissen wollte, wusste man schon (Schweizer, warum nach Deutschland und dann ausgerechnet auf einem Bauernhof in Brandenburg). Außer vielleicht, dass seine Frau jetzt bald die Wasserbüffel mit eigenem Gewehr töten wird; aber bitteschön aus weniger als fünf Meter und auch nur, wenn der Büffel wiederkäut, weil es, kaum zu glauben, dafür ein Gesetz gibt. Immerhin, der wohl kurzweiligste Gast des Abends, auch wenn das wirklich vorauszusehen war.

Dann war da noch Schauspielerin Miriam Lahnstein (die Intrigantin aus Verbotener Liebe), die aber keine wirklich klugen Dinge zum Abend beitragen konnte. Auch kein Wunder, wenn di Lorenzo tatsächlich von ihr wissen wollte, ob es denn einfacher sei, monogam zu leben, wenn man es quasi nicht anders kennt – Hintergrund: Lahnstein ist schon über 20 Jahre mit ihrem Freund zusammen. Nun ja, Mitdenken sieht irgendwie anders aus, oder?
Zur Ehrenrettung von Lahnstein muss man allerdings sagen, dass sie es schwer hatte, direkt nach Jessica Schwarz dranzukommen. Deren Romy Schneider-Film wird am kommenden Mittwoch im Ersten laufen, was Charlotte Roche – man erinnere sich bitte daran, dass diese Dame den Deutschen Fernsehpreis und auch den Grimme-Preis schon mal bekommen hat – zur Frage veranlasste, wo sie denn am Mittwoch um viertel nach acht sein würde. Nein, das sind wirklich fundierte Fragen, die ein Zuschauer wissen will, keine Frage.

Sting

Dann aber gab’s ein wirkliches Highlight: Musiker Sting, den ich persönlich sehr verehre, war angesagt und kam tatsächlich ins Studio. Er hat gerade wieder eine neue Platte herausgebracht, die wieder einmal nichts mit den Vorgängern zu tun hat, und gab natürlich auch eine kleine Kostprobe. Dann kam jedoch der äußerst unrühmliche Auftritt von Grimme-Preisträgerin Charlotte R. Warum er denn jetzt Bart trage (ist auch schon ein alter Hut), ob es sein Hund auf dem Winterplattencover sei und wie der denn heiße, wo das Bild aufgenommen wurde und warum er immer so enge Hosen trage. Okay, Sting war schon recht irritiert von diesen wirklich gut ausgedachten Fragen. Als dann aber unter Mithilfe von Giovanni di Lorenzo auch noch die Ölfrage geklärt werden musste (Sänger Zucchero hat ein Haus neben Sting in Italien und produziert ebenfalls u.a. Öl und Wein auf seinem Bauernhof), schaltete der unbedarfte Zuschauer zumindest innerlich schon mal ab.

Bizarrer Höhepunkt war dann noch eine wirklich nachahmungswürdige Yoga-Session, die Roche unbedingt mit Sting machen wollte. Resultat: erbärmlich, aber der gute alte Sting ließ es sehr gelassen über sich ergehen. Immerhin sein Stuhlnachber, Geiger Daniel Hope war noch ein kleiner Lichtblick, auch wenn wieder Charlotte R. als Gesprächspartnerin herhalten musste. Hope hat soeben ein Buch herausgebracht, das dem Otto-Normalverbraucher die Klassik näher bringen soll. Was soll man anziehen, wo soll man klatschen, bla bla blubb. Immerhin erfuhr man, dass die ach so emotionale Charlotte R. bei manchen klassischen Klängen, derart depressiv und emotional hinuntergezogen werden würde, dass es einen fast schon die Tränen in die Augen trieb.

Dass später noch Jan Josef Liefers ebenfalls über sein Ostalgie-Buch sprechen durfte, war irgendwie nett. Den Tatort-Schauspieler mag man ja doch irgendwie, auch wenn er so schnell spricht, dass man manchmal wirr im Kopf wird. Der Abend war da ja ohnehin schon gelaufen. Belanglosere Fragen als Charlotte Roche ihren Gästen aufdrängte, kann auch ein unbedarftes Kind nicht stellen. Das wäre auch nicht weiter schlimm, wenn die Sendung bei Viva um halb ein Uhr morgens stattfinden würde. Aber 3 nach 9 läuft im Dritten. Anscheinend wird aber jetzt doch quer durch die Senderschaft versucht, einen gewissen Kerner-Weichspülfaktor ins Spiel zu bringen. Nur nicht anecken, nur keine Diskussion über schwierige Themen, immer Kopfnicken erzeugen. Gähn, das ist wirklich langweilig. Wenn di Lorenzo und Roche auf diese Weise weiter machen, dann ist es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis intern Stimmen laut werden und nach Amelie Fried rufen.

Die letzte Sendung kann man sich online noch ein paar Tage anschauen: Radio Bremen – 3 nach 9

Ein Kommentar

  1. andres de franco 19. Januar 2010

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