Torwarthimmel & Torwarthölle…

… oder: was die Medien mit Torhütern derzeit machen.

Nachdem die letzten beiden Wochen der arme Sascha Burchert die Schattenseiten medialer Aufmerksamkeit erfahren musste, wurde gleichzeitig ein weiterer junger Torhüter in den Olymp gehimmelt. Die Rede ist, wie könnte es anders sein, von der angeblich neuen deutschen Nummer eins zwischen den Pfosten: René Adler. Nein, ich will die beiden nicht miteinander vergleichen, die Mechanismen greifen bei beiden auf ganz unterschiedliche Weise.

Sascha Burchert, 19 Jahre jung und durch die Verletzung von Stammtorhüter Drobny in den Kader der Berliner Hertha gerutscht. Eigentlich ein Debüt, wie man es sich nicht schöner vorstellen kann. Da kommt ein junger Mann in eine abstiegsbedrohte Elf und kann eigentlich nichts falsch machen, weil es ohnehin nicht rund läuft. Das Problem ist nur, dass seine Vorderleute derart verunsichert sind und sie ihm überhaupt keine Hilfe gewährten. Auf gut Deutsch: Burchert war die ärmste Sau auf dem ganzen Spielfeld. Und das, obwohl er keine schlechte Leistung bot, auch wenn Bild & Co. ihm das einreden wollten. Bei den zwei fast identischen Gegentoren binnen weniger Sekunden hat er alles richtig gemacht. Mitgespielt, Kopf und Kragen riskiert, wurde aber nicht belohnt. Man stelle sich mal vor, wenn das Lehmann passiert wäre. Der zur Selbstüberschätzung neigende Schlussmann vom VfB hätte sicherlich nach Spielschluss in die Kamera gelächelt und seine Mitspieler zusammengefaltet. Und diesmal, Arroganz hin oder her, zu Recht. Burchert hingegen kann man mit 19 Jahren diesbezüglich noch keinen Vorwurf machen, sehr wohl aber den Mitspielern, die ihn aus der Schusslinie hätten nehmen müssen.

Wären seine beiden Kopfballabwehrversuche nur fünf oder zehn Meter woanders gelandet, er wäre ein junger Held gewesen, die Presse hätte ihn mit Lob überschüttet. So wird er als Dorftrottel durch das virtuelle Dorf getrieben. Eigentlich eine Schande, nur leider kein Einzelfall.

Und auf der anderen Seite ein gewisser René Adler. Der rutscht ebenfalls wegen Verletzungen eines Kontrahenten in die Startelf der Nationalmannschaft und macht seine Sache ebenfalls gut. Natürlich ist es ein Unterschied im Selbstvertrauen, wenn ich beim Bundesligaclub die Nummer eins bin und nicht zwei oder drei. Aber weil Adler gute Vorderleute im Nationalteam hat und eine – ich wiederhole: eine einzige – wirklich brenzlige Situation gegen die Russen vereitelte, wurde er von der Journaille zur neuen Nummer eins erhoben. Dabei war bei seine Abwehr gegen Semshov sogar noch eine Menge Glück mit dabei. Seine scharfe Hereingabe / Torschuss trudelte nämlich knapp am eigenen Pfosten vorbei ins Aus. Geht der Ball rein, sagen die Experten, dass Adler den Ball anders abwehren müsse und man hätte eine erneute Torwartdiskussion.

Über das Torwartspiel wissen selbst die Experten immer noch erschreckend wenig

Was Adler hingegen richtig klasse macht, ist sein Stellungsspiel. Beim Rauslaufen gegen Bytrov hatte er richtig viel Glück, dass der Russe den Ball nicht richtig traf. So wurde er angeschossen und dazu sagte Olli Kahn ganz richtig: „Wenn der Torwart letztlich eine Eins-zu-Eins-Sitution für sich entscheidet, ist das auch sein Verdienst.“ Da ist es dann auch egal, wenn man angeschossen wird oder der Stürmer einen Fehler macht. Gut stand Adler auch beim Schuss von Arshavin in der 55. Minute. Dazu braucht er aber nur mit seinen Fäusten in die Höhe schnellen, weder sich lang machen noch wirklich springen. Er stand einfach gut. Fast wie Sepp Maier in seinen besten Zeiten.

Jetzt könnte man den Medien zu Gute halten, dass sie das sehr wohl auch mitbekommen haben, was das gute Torwartspiel ausmacht. Aber man erachtet eben schon eine hochschnellende Flugeinlage als Glanzparade und deshalb wird Adler in den Olymp der Torhüter hinaufgejubelt. Man kann nur hoffen, dass er sich es nicht so zu Herzen nimmt. Die letzten Interviews nach dem Russlandspiel lassen glücklicherweise darauf schließen. Er ist fast ebenso ruhig vor den Mikrofonen wie im Tor. Ähnlich, wie Burchert. Der durfte nach Spielschluss nichts sagen. Dabei machte auch er einen ziemlich abgeklärten Eindruck im Kasten von Hertha. Es bleibt also weiter spannend mit den ewig-endlosesen Torhüterdebatten, die nur eins zeigen: außer Olli Kahn hat offenbar keiner der Experten selbst im Tor gestanden.



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