Bildung: immer mehr, mehr, mehr

Eine Woche lang konnten Schüler und Studenten auf die Straße gehen, um ein bisschen zu streiken. Recht so. Endlich rühren sich diese Jammerlappen mal. Zwar waren sie bei der Europawahl nicht an den Urnen, aber sie erheben jetzt doch ihre zarten stimmchen. Wie war das noch gleich mit der Verdrossenheit?

Bildungskrise: Sehen so bald die Hörsäle aus?

Jetzt ist also die Bildung dran. Sie wollen kein Turboabi und auch kein verbachelorisiertes Turbo-„Studium“ mehr. Zurück zum guten alten Diplom. Am besten ohne Studiengebühren und wieder 14 Semestern. Wie das halt früher auch war; schließlich hat sich dieses System doch auch bewährt, oder. An der Arbeitsmarktsituation der jetzigen Bachelor- und Masterabsolveten sieht man doch eh, dass sie von einem Praktikantenjob zum nächsten hechten. Bezahlung: von unentgeltlich bis maximal 400,- Euro. Letzteres allerdings nur, wenn man auch mindestens ein halbes Jahr bleibt; der Arbeitgeber möchte ja auch einen gewissen Nutzen vom Einblickgewähren des Ex-Studis und jetzt Arbeitsmarktbeginner haben. Wenn er seine Zeit dann durchgehalten hat (von abgesessen bis den Arsch abgearbeitet), kann er mehr mit Fug und Recht behaupten, mehr als in seinem gesamten BWL-Studium erlernt zu haben. Grau ist alle Theorie.

Gestreikt wird also. Oder gekämpft. Für mehr und bessere Bildung und natürlich bessere Bedingungen. Marode Banken und Unternehmen werden flux mit Steuergeldern aufgefangen, Schule und Alma Mater allerdings bekommen vom Konjunkturpaket-Kuchen nicht wirklich etwas ab. Zwar wird ein bisschen Geld in die vor sich hinsiechenden Gebäude gesteckt, aber das überhaupt als Bildungsinvestition zu sehen, ist beinahe schon lächerlich. Eine Selbstverständlichkeit sollte es in der Bildungshochburg Deutschland sein. Und irgendwie kann man die jungen Leute schon verstehen: Abi nach der 12. Klasse, und – Bologna sei danke – den „ersten berufsqualifizierenden Abschluss“ nach bereits drei Jahren. Um ein bisschen Diplomluft zu schnuppern muss ein Master her, der je nach Ausrichtung zwischen einem und zwei Jahren dauert.

Der Hauptkritikpunkt ist, dass die Studenten für nichts mehr Zeit haben, außer Ihr (verschultes) Studium. Und da auch noch Anwesenheitspflicht herrscht, kann man nebenher auch gar nicht arbeiten, um die Lebenshaltungskosten samt hohen Studiengebühren zu refinanzieren. Allerdings frage ich mich, ob die Studenten von heute wirklich von morgens 8 bis Nachmittags um 5 in der Uni rumsitzen und nonstop drangsaliert werden. Natürlich trägt kein anderer Student den abwesenden in die Liste ein, natürlich gibt es nach zwei Mal Abwesenheit keine Möglichkeit mehr einen „kleinen Schein“ zu bekommen, natürlich schlagen sich die Studis nach einer kurzen Pause von 5 bis 6 Uhr Abends mit weiterem Lernen die Ohren um die Nächte und bei all dem Aufwand gibt’s auch keinen Auslandsaufenthalt, weil der schon allein aus Finanz- und Kapazitätsgrenzen einfach nicht drin ist. Entweder hab ich im Studium alles falsch oder eben vieles verdammt richtig gemacht…

Ob die Proteste überhaupt Aussicht auf Erfolg haben?! Man sollte sich nicht zu viele Hoffnungen machen. Die Kassen sind klamm, Blogna wird nicht so leicht zu revidieren sein und die Verunsicherung steig überall. Die Frage ist allerdings, ob man nicht das System als solches auf den Prüfstand stellt. Das Gymnasium als solches bereitet ja nur bedingt auf ein Hochschulstudium vor. Wenn ich höre, dass Eltern bei den Lehrern wegen dieser und jener ach so ungerechten Benotung die Türen einlaufen und sogar geklagt wird, sind Zweifel angebracht, ob das alles so richtig ist, wer später wohin darf. Das deutsche Schulsystem ist ungemein selektiv. Vielleicht wäre es besser, wenn jeder, egal welchen Schulabschluss, generell zu einem Studium zugelassen werden würde. In anderen Ländern ist das Normalität. Sie müssen sich dann zumeist einem einjährigen Studium Generale unterziehen, um eine Studierfähigkeit nachzuweisen. Das hat den Vorteil, dass diese Leute wirklich auch studieren wollen – und können.
Angeblich ist die Studienabbruchquote seit Einführung der Bachelor-Studiengänge von 21 auf 30 Prozent gestiegen. Da das Gegenteil erreicht werden sollte, kann man die Einführung getrost als gescheitert ansehen. Andererseits: vielleicht ist es auch nicht schlecht, wenn es wieder weniger Absolventen gibt. Dann könnte endlich ein Rückbesinnen stattfinden. Ein Zahntechniker braucht nicht unbedingt studiert haben, um gute Protesen zu zimmern – ein Gärtner ebensowenig, um hübsche Blumen zu züchten. Ein Umdenken ist in jedem Falle unerlässlich, wenn man Deutschland wieder als Bildungshochburg herrichten will. Da hilft es auch nichts, wenn theoretisch Bildungskredite bedürftigere Studis aus der momentan Finanzpatsche helfen. Wer dann sein Studium nicht packt, hat einiges an Geld in den Sand gesetzt. Das hilft letzten Endes nur den Banken. Der Bildung eher nicht.

Ein Kommentar

  1. Peterle 22. Juni 2009

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