Der (Lanzen-)Bruch

Glaubt man dem Ex-Spieler (und inzwischen erfolgreichen Experten) Mehmet Scholl, dann hat der Bundesligabetrieb als tägliches Brot vor jedem internationalen Wettbewerb eindeutig Vorrang. Trainer Jürgen Klinsmann allerdings sieht das offenbar in seiner ersten Station als Vereinstrainer beim FC Bayern doch etwas anders. In einem kurzen Interview nach dem (für die Bayern) enttäuschenden 0:1 gegen Schalke äußerte der sich ganz anders. Die Champions League habe eindeutig die Aufmerksamkeit gegolten und deshalb fehlt jetzt im Titelrennen der ein oder andere Punkt. Interessant, denkt sich der interessierte Beobachter. Oder anders: Ist das nicht die höchste aller sportlichen Verblendungen?

Ende die Ära Klinsmann in fünf Spieltagen? ©zdf

Hätte man sich überhaupt auch nur im entferntesten vorstellen können, dass beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 28. Mai 2009 berichten könnte, dass die Herrn Ottl, Lell, Oddo oder Sosa soeben die Champions League gegen Manchester United geholt haben? Und dann noch mit Hans-Jörg Butt im Tor? Man weiß ja immer nie so genau, wie das der J.K. meint, wenn er solche Sachen sagt, aber ich könnte mir fast vorstellen, dass so eine Aussage nicht zwangsläufig nur gut in der oberen Etage ankommt. Wer hätte denn allen Ernstes geglaubt, dass der FCB international nach höheren Weihen als dem Achtelfinale streben könnte? Ist das blauäugig oder sich gnadenlos Großreden? Wahrscheinlich ein bisschen etwas von allem.Felix Magath wurde nach zweimaligem Double-Erfolg vom Hof gejagt; wahrscheinlich gesteht der ein oder andere Verantwortliche sich das inzwischen als Fehler ein. Aber die Ära Klinsmann, von Beginn an mit Pauken und Trompeten und einer ganzen Menge diverser Neuerungen eingeführt, ist kräftig ins Wanken geraten. Die Spieler stagnieren, ein bisschen Verletzungspech (wie hat man nur Herbstmeister Hoffenheim prophezeit, dass sie es nicht durchalten können – im Gegensatz zum FCB – , wenn die ersten Verletzten kommen), ein Doppelsalto zum Hitzfeldschen System nachdem die Ergebnisse ausblieben und alles, nur keine klare Linie erkennbar. Den „One-Touch-Super-Fußball“ spielten immer nur die anderen. Mal Leverkusen, mal Bremen, mal der HSV, mal Hertha. Aber kein einziges Mal der FC Bayern.

Viele Fehler hätte man im Vorfeld ausräumen können. Warum kann eine Saison für die Bayern nicht einmal ohne Titel zu Ende gehen? Nachdem das Festgeldkonto ohnehin so gut gefüllt ist, hätte man doch intensiv eine klare Linie einführen und von dieser nicht mehr abrücken können. Und man hätte vo Anfang an mal den Ball flach halten können, wenn man mit einem Trainer ohne Vereinsmeriten ins Rennen geht. Aber es muss ja immer etwas Besonderes sein an der Säbener Straße. Nur: das richtig Besondere hat man einfach nicht bekommen. Keine Morinhos, keine Wengers, keine Fergusons, keine Lippis oder Guardiolas der Welt wollen in die Bundesliga. Vielleicht sind die wirklich zu teuer. Oder ihnen fehlt die Perspektive. Oder zu wenig Mitspracherecht. Magath hat dies bekanntlich jetzt umgangen – und der Erfolg gibt diesem Modell des Trainermanagers recht (müßig zu sagen, dass das keineswegs neu ist, sondern in England schon längst normal ist).

In München haben sie es unterdessen geschafft, einen Kapitän auf die Bank zu setzen, einen überaus talentierten Torwart zu demontieren, in allen Mannschaftsteilen Unsicherheit zu säen und inzwischen scheint die Hierarchie derart ins Bröckeln zu geraten, dass niemand mehr Ribery die Meinung geigen kann, wenn dieser nach hinten gar nicht arbeitet oder Schweinsteiger seit Vertragsunterzeichnung seiner Form meilenweit hinterher läuft.

Klar, es gibt wichtigeres als den Fußball, traurig ist die Situation aber dennoch. Das Dilemma ist ja jetzt schon da. Der FCB ist auf dem besten Wege sich nicht einmal mehr für das internationale Geschäft zu qualifizieren. DAS wäre dann in der Tat der Super-GAU. Die Klinsmann-Tage scheinen, glaubt man der Presse, schon gezählt zu sein. Allerdings dürfte das auch wieder einer Bankrotterklärung gleich kommen. Endlich hätten sie einen Reformer gehabt, der auch mal ausprobieren wollte. Zeit dafür konnte man ihm in München aber dafür nicht gewähren (so werden das sicherlich auch die Journalisten formulieren, die Klinsmann gerne scheitern sehen würden und ihn rückwirkend doch gerne behalten hätten). Die Frage allein bleibt: wer kommt dann? Breitner? Kahn? Rangnick? Letzterer ist im Übrigen genau das Beispiel, der einen äußerst attraktiven Fußball spielen lässt (so er das Personal dafür hat), gerade weil man ihm Zeit gab, die Mannschaft kontinuierlich von der Dritten in die Erste Liga zu hieven. Aber vielleicht hinkt der Vergleich auch, weil der Druck auf Trainer und Verantwortlich wohl auch in der Dritten Liga so hoch gewesen wäre, dass es kein Pfingstochse auch nur annähernd ausgehalten hätte.



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Ein Kommentar

  1. adf 26. April 2009

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