Alt vor jung?!

Mehr Steh- als Sitzplätze

Mehr Steh- als Sitzplätze

Nein, ich beschwere mich nicht. Zwar humple ich immer noch mehr schlecht als recht durch die Gegend, aber die Schmerzmittel wirken so gut, dass ich ziemlich wenig spüre. In der Tram allerdings ist man mit Krücken im Vorteil. Zumindest, wenn alte Leute – oder ausländische Mütterchen – mitfahren. Dann bekommt man garantiert einen Sitzplatz offeriert, den ich, wie sollte es anders sein, dann generös ablehne. So schlecht geht’s mir ja auch wieder nicht.

Interessant ist es aber allemal, dass nie ein Junger mal aufspringt, um mir Behinderten den Platz zu geben. Die bohren lieber in der Nase und hören komische Musik, als dass sie ihren Sitzplatz hergeben würden. Selbiges Procedere im Übrigen auch beim Einsteigen. Ich musste geradezu aufpassen, dass mir keiner von den Rotzlöffeln die Krücken unter meinem Humpelfuß rausreißt. Es zwar doch gut gegangen, aber ein mulmiges Gefühl hat man ja schon. Die Frage die sich dabei aufdrängt ist allerdings, ob das inzwischen einfach so ist, dass man Hilfesbedürftigen nicht mal mehr hilft, nein, im Gegenteil, sie sogar im Alltag schneidet. Ein Blick über den großen Teich nach Lateinamerika lehrt allerdings, dass trotz Machismo und einer Zurschaustellung von Ultramännlichkeit, so wird für die Schwangere oder den Gehbehinderten der Platz geräumt. So schnell kann man gar nicht schauen und wenn man sich nicht hinsetzt, dann fühlen sich die Wohltäter ziemlich brüskiert. Nicht dass ich das hierzulande auch wollen würde, aber seltsam ist das schon. Früher wurde einem noch gelernt, dass man für die Alten aufsteht. Das sieht man ja inzwischen auch immer seltener und ich frage mich: warum ist das so? Ist jeder nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht, auch wenn es um einen blaugrauen Sitz in der Trambahn geht? Es scheint ganz so.

Vielleicht ist die ganze Sache aber auch ganz anders. Nämlich, dass ich immer spießiger und langweiliger werde und allmählich sämtliche Marotten annehme, die ich vor zwei Jahren noch nicht mal meinem Vater unterstellt hätte. Erst sind wir wild und unausstehbar und plötzlich wählen wir… nein, soweit kommt es dann doch nicht 😉