Das große Flattern

oder: wie ein Mikropayment-Dienst die Blogosphäre retten will.

Flattr ist auf einmal nicht nur in aller Munde, sondern verziert seit etwa einem Monat auch die Seiten einschlägiger Blogs und Informationsportale. Zusätzlich zu unsäglichen “I Ilke”-, Twitter-, Google-, Delicious- oder Myspace-Buttons. Hintergrund: Die Leser können mit einem kleinen Geldbetrag die Arbeit des Bloggers ganz unmittelbar honorieren.

Flatter rettet (oder überschwemmt) die Blogosphäre | ©flattr.com

Das Procedere ist denkbar einfach: man erstellt einen Account, lädt Guthaben drauf, bestimmt, welchen Betrag man monatlich “verflattern” will und kann fortan Artikel honorieren, die einem gefallen. Der monatliche Flattr-Betrag wird dabei durch die für gut befundenen Artikel geteilt, so dass “Wenig-Flatterer” theoretisch einen höheren Betrag als Viel-Flatterer pro Klick den Seitenbetreibern oder dem Autor zuschustern.

Die Idee ist per se nicht schlecht. Aber dennoch gibt es ein paar Dinge, die schlecht umgesetzt wurden (gut, Flattr ist noch in der Betaphase) und andere, die ich als störend empfinde, bis hin zu einigen, für die man dem Dienst den Rücken kehren müsste.

  • Gebühren
    Guthaben lädt man mit PayPal auf sein Konto. Dabei halten sowohl PayPal als auch Flattr die Hand auf, so dass schon mal 10 Prozent an Flattr und xx Prozent an PayPal gehen.
  • Aufgeladenes Geld ist weg
    Einmal aufgeladen, muss man das Guthaben verflattern. Der monatliche Betrag wird anteilig an die Seiten vergeben, bis wohl kein Geld mehr drauf ist.

  • Datenschutz
    Niemand weiß genau, was mit den Daten passiert. Flattr selbst fordert von den Usern Vertrauen ein, dass sie “niemals Daten verleihen oder gar verkaufen“. Das erinnert stark an den Slogan eBay’s “alle Menschen sind gut”…
  • Wieder ein Button mehr
    Erst waren es Google-Anzeigen, dann Affiliate-Links, jetzt schreit es “everything’s social” durch die Blogosphäre. Das äußert sich vor allem in Button-Orgien, denen man schon nicht mehr zu folgen gewillt ist, weil man längst keinen Überblick mehr hat, was die Knöpfe im Einzelnen bewirken.

Interessanter Weise sind es aber nicht nur Blogs, die auf den Mikropaymentdienst aufspringen. Als eines der ersten Nachrichtenportale hat die taz den Flattr-Button auf ihren Seiten eingebaut. Im Interview auf carta.info versucht Matthias Urbach zu erklären, warum eine kostenpflichtige Tageszeitung in ihrer Online-Ausgabe auf Flattr setzt und warum die sonst so datenschutzsensible taz gar auf ein (noch) recht unausgegorenes System setzt. Klar, die knapp 150 Euro sind nicht viel Geld, die die taz in einem Monat “erflattert” hat. Schließlich soll das Geld ja in einen Topf fließen, durch den die Praktikantenstelle oder, sollte es tatsächlich mal mehr werden, auch der Redakteur bezahlt wird.

Doch das ist genau der Punkt, an dem ich selbst ins Zögern komme und den Einsatzzweck in Frage stelle. Ja, Content ist auch im Internetzeitalter das A und O. Content kostet. Richtig guter Content kostet meist noch ein klein wenig mehr. Aber, warum soll ich denn Texte von Seiten honorieren, die per se schon honoriert wurden. Schließlich bezahle ich ja auch noch eine monatliche Abogebühr für den Printtitel, so dass ich eigentlich gute Texte zweimal bezahlen würde (gut, ich muss ja nicht flattern, aber ich werde ja darauf hingewiesen, ob mir dieser Artikel nicht etwas wert sei).

Für Blogs hingegen, finde ich Flattr gut. Insbesondere dann, wenn ich durch den bereitgestellten Inhalt einen Mehrwert bekomme oder, etwa bei Tech-Blogs, ein Problem erklärt und / oder ein Lösungsansatz aufgezeigt wird. Viele One-Man-Blogbetreiber freuen sich über einen kleinen Obolus. Weniger, um wirklich reich zu werden, dafür dürften die Einnahmen dann doch zunächst zu klein sein, aber für Anerkennung oder ein paar Cent, um die Seite zu finanzieren, ist es einfach nur Gold wert.

Aber auch hier gibt’s ein paar Ausnahmen. Etwa stolpere ich vermehrt über Blogs, die mit Werbung zugepflastert sind (Google und Affiliate lassen Grüßen) und unten dennoch mit dem gängigen Konglomerat an Buttons den Leser auffordern, weiteren Traffic auf die Seite zu schaufeln – oder eben für den Content zu bezahlen. Natürlich ist es so, dass ambitionierte Seitenbetreiber mit ihren Inhalten gerne auch Geld verdienen würden. Und das sollen sie auch gerne tun. Entweder über Google-Anzeigen, wo man aber keinen Einfluss darauf hat, was angezeigt wird, oder eben Affiliate- oder Partnerlinks á la Amazon. Flattr finde ich aber in diesem Zusammenhang als doch etwas zu alternativ, um auf ohnehin werblichen Seiten auch noch eingebunden zu werden. Das ist einfach zu viel. Das passt in meinen Augen genauso wenig zusammen wie die Humba beim FC Bayern. Das ist der einfache Grund, warum ich keine mit Werbung gespickten Seite mehr mit einem “flattered” versehe.

2 Kommentare

  1. Gerhard 22. Juni 2010
  2. Andreas 20. Juni 2010

Kommentar schreiben